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Deutscher Journalisten-Verband Gesellschaft für Bild und Vortrag e.V.
 

September 2005

Beat-Club ― aktueller geht's nicht*

ute Vorsätze eines gesünderen Lebens nützen nichts ― wenn der Beat-Club 40 Jahre alt wird und die Fernsähnacht auf zwei Dritten Programmen der Erinnerung gewidmet ist, dann schnappe ich mir eine Flasche Wein, die Fernbedienung und Kopfhörer wegen der Nachbarn.  Ich ahne es:  Nachher beim Einschlafen wird sich das Gefühl einstellen, wie nach einem dröhnenden Konzertbesuch in lebendigeren Zeiten.  Bis dahin allerdings lebe ich meine musikalische Ekstase auf dem Sofa aus ― unter einer warmen, irischen Wolldecke.  Und träume berauscht von meiner Kindheit ...

Irgendwie fühle ich die Präsenz meiner Eltern, wenn ich in den aufkeimenden Gefühlen der 60er schwelge.  Waren in deren Erinnerungen nicht auch die Kindheits- und Jugendtage besser als alles, was noch folgte?
 

nglaubliche Tage waren das, als ich als achtjähriger Junge dem damaligen Trend meiner Schwester und meines Bruders folgte, und den frühen Beat-Club im schwarz-weissen Fernsehen sah!  Mit Begeisterung!  Lange, zu lange lagen diese Erinnerungen in den Schubladen der Sender.  Und heute werden Sie ausgegraben vom NDR und dem SWR.

Nun, die Südwestdeutschen sind weniger Hardcore ― dort muss man Jan Fedder mit einer deutschen Version von Lou Reeds "Walk on the Wild Side" und Peter Maffay als "Wild Thing" ertragen.  Schnell ist da zurück zum Original gezappt:  Der NDR bringt sechs Stunden Ausschnitte aus dem Beat-Club von 1965 bis 72 am Stück.  Meine Weinflasche füllt sich stetig mit Luft, meine Seele mit wiedergewonnenen Erinnerungen ...
 

ie Lords traten Mitte der 60er Jahre noch in Ostfriesland auf und ich habe die coolen Jungs mit ihren Prinz-Eisenherz-Frisuren damals auf der Nordseeinsel Juist zum Konzert in die weltberühmte Strandhalle verschwinden sehen.  Meine Schwester war von ihnen bestimmt hin und weg ― so wie von Barry Ryan.  Ich dagegen fand Sandie Shaw ohne Schuhe klasse und die Who mit "I'm a Boy".  Die Beachs Boys trugen schicke weisse Anzüge und pflanzten einen frühen Traum von Kalifornien.

Kurz noch mal beim SWR rein gezappt ― aber wenn der Mützenfuzzi von den Scorpions dort seinen sentimentalen Senf absondern darf, werde ich schnell wieder zum Fan des NDR.  Na ja, vor 40 Jahren war "dort unten" beim Süddeutschen Rundfunk bestimmt Schwarzwaldmädel-Romantik und keine Beatles angesagt.  Bestätigt wird dieser Verdacht in Richtung Süden der Republik durch einen Druck auf Stationstaste acht:  Das BR-Fernsehen zeigt eine "Wiesn Night".  Und ich erwische zufällig den Höhepunkt der bayrischen Fernsehnacht:  Eine schlaffe Fettbayerin zeigt ihre blanken Brüste auf dem Oktoberfest.  Ein klarer Fall für den Rundfunkrat und die katholischen Sittenwächter.  Skandal!

Währenddessen darf Manfred Mann im NDR "Fox on the Run" in bestem schwarz-weiss Fernsehen zum Besten geben.  Nicht erst seit "Dinner for One" bin ich der Meinung, dass das norddeutsche Dritte eines der besseren Programme ist.  Und wenn Joe Cocker in der Folge 38 des Beat-Club vom Silvestertag 1968 sein "With a little Help from my Friends" zappelt, dann gibt es keine Zweifel mehr:  Dieser Planet hat eine Daseinsberechtigung.
 

nzwischen hat sich der SWR vom Beat-Club schon in Richtung des wichtigen Themas "Beuren will Bad werden" verabschiedet, während der BR sturzbetrunkene Biertrinker zeigt, die auf der Theresienwiese den Halt verlieren.  Der NDR beschert dagegen eine taufrische Julie Driscoll auf der "Road to Cairo" ― geht's mir gut!

In unserer heutigen Fernsehkultur der trendigen Gerichts- und "Ich schreie Dich an und Du schreist zurück"-Shows wirkt eine Nacht mit den  Ausschnitten aus den 60er Jahren wie Balsam.  Ray Davies mit seiner tollen Brille spielt mit den Kinks "Waterloo Sunset" ― und morgen hält wieder ein tiefer gelegter Polo neben mir und versucht mit digitalen und belanglosen 160 Beats per Second eine Legende aufzubauen.

Es wird nicht klappen.  Da bin ich kompromisslos sicher:  Der Fahrer weiss nicht mal, dass es dritte Programme gibt ― und hält den NDR wahrscheinlich für die Abkürzung für New Digital Remix.
 
in ich ein rückwärts gerichteter, hoffnungsloser Langweiler?  Vielleicht, aber wenn heute schon mangels Klasse und Masse die Hits von Supertramp von irgendwelchen Fuzzies nachgespielt werden ― und die Kids nicht mal ahnen, dass da ein Lied und die Geschichte einer Super Group dahinter stecken ― dann kann es kein Fehler sein, wenn ich eine herzhafte Reminiszenz an die 60er Jahre zu pflege.

Und als nächstes möchte ich eine Nacht lang Heinz Maegerleins "Hätten Sie's gewusst" auf BR sehen ― und alle Pisa-Durchfaller bekommen das als Zwangsfernsehen aufgebrummt.  Man könnte sie ja motivieren, indem man ihnen erzählt, dass in den Werbepausen die härteste Version von irgendwelchem Ninja-Fighter-Bullshit gezeigt wird. 

Wetten, dass von denen keiner weiss, dass die Dritten werbefrei sind?

 


*Diese Kolumne wurde gegen vier Uhr in der Frühe während der Beat-Club-Nacht am 25. September 2005 mit einem 2004er Saint Auspice vom Ventoux unter der erwähnten irischen Decke und mit einer Träne im Knopfloch verfasst.  Irgendwelche Korrekturen am nächsten Morgen unterbleiben aus Respekt vor dem Moment ...


Autor: Frank Jermann

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