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Vorsätze eines gesünderen Lebens nützen nichts ― wenn der
Beat-Club 40 Jahre alt wird und die Fernsähnacht auf zwei
Dritten Programmen der Erinnerung gewidmet ist, dann schnappe
ich mir eine Flasche Wein, die Fernbedienung und Kopfhörer
wegen der Nachbarn. Ich ahne es: Nachher beim Einschlafen
wird sich das Gefühl einstellen, wie nach einem dröhnenden Konzertbesuch
in lebendigeren Zeiten. Bis dahin
allerdings lebe ich meine musikalische Ekstase auf dem Sofa
aus ― unter einer warmen, irischen Wolldecke. Und träume berauscht
von meiner Kindheit ...
Irgendwie fühle ich die Präsenz meiner Eltern, wenn ich in den
aufkeimenden Gefühlen der 60er schwelge. Waren in deren
Erinnerungen nicht auch die Kindheits- und Jugendtage besser
als alles, was noch folgte?
nglaubliche
Tage waren das, als ich als achtjähriger Junge dem damaligen
Trend meiner Schwester und meines Bruders folgte, und den
frühen Beat-Club im schwarz-weissen Fernsehen sah! Mit
Begeisterung! Lange, zu lange lagen diese Erinnerungen
in den Schubladen der Sender. Und heute werden Sie
ausgegraben vom NDR und dem SWR.
Nun, die Südwestdeutschen sind weniger Hardcore ― dort muss
man Jan Fedder mit einer deutschen Version von Lou Reeds "Walk
on the Wild Side" und Peter Maffay als "Wild Thing" ertragen.
Schnell ist da zurück zum Original gezappt: Der NDR bringt
sechs Stunden Ausschnitte aus dem Beat-Club von 1965 bis 72 am
Stück. Meine Weinflasche füllt sich stetig mit Luft, meine
Seele mit wiedergewonnenen Erinnerungen ...
ie
Lords traten Mitte der 60er Jahre noch in Ostfriesland auf und
ich habe die coolen Jungs mit ihren Prinz-Eisenherz-Frisuren
damals auf der Nordseeinsel Juist zum Konzert in die
weltberühmte Strandhalle verschwinden sehen. Meine Schwester war von ihnen
bestimmt hin und weg ― so wie von Barry Ryan. Ich
dagegen fand Sandie Shaw ohne Schuhe klasse und die Who mit
"I'm a Boy". Die Beachs Boys trugen schicke weisse
Anzüge und pflanzten einen frühen Traum von Kalifornien.
Kurz noch mal beim SWR rein gezappt ― aber wenn der Mützenfuzzi
von den Scorpions dort seinen sentimentalen Senf absondern darf, werde ich
schnell wieder zum Fan des NDR. Na ja, vor 40 Jahren war
"dort unten" beim Süddeutschen Rundfunk bestimmt Schwarzwaldmädel-Romantik
und keine Beatles angesagt. Bestätigt wird dieser Verdacht in Richtung
Süden der Republik durch einen Druck
auf Stationstaste acht: Das BR-Fernsehen zeigt eine "Wiesn
Night". Und ich erwische zufällig den Höhepunkt der
bayrischen Fernsehnacht: Eine schlaffe Fettbayerin zeigt ihre
blanken Brüste auf dem Oktoberfest. Ein klarer Fall für
den Rundfunkrat und die katholischen Sittenwächter. Skandal!
Währenddessen darf Manfred Mann im NDR "Fox on the Run" in
bestem schwarz-weiss Fernsehen zum Besten geben. Nicht
erst seit "Dinner for One" bin ich der Meinung, dass
das norddeutsche Dritte eines
der besseren Programme ist. Und wenn Joe Cocker in der Folge
38 des Beat-Club vom Silvestertag 1968 sein "With
a little Help from my Friends" zappelt, dann gibt es
keine Zweifel mehr: Dieser Planet hat eine
Daseinsberechtigung.
nzwischen
hat sich der SWR vom Beat-Club schon in Richtung des wichtigen Themas "Beuren will Bad
werden" verabschiedet, während der BR sturzbetrunkene
Biertrinker zeigt, die auf der Theresienwiese den Halt
verlieren. Der NDR beschert dagegen eine taufrische Julie
Driscoll auf der "Road to Cairo" ― geht's mir gut!
In unserer heutigen Fernsehkultur der trendigen Gerichts-
und "Ich schreie Dich an und Du schreist zurück"-Shows wirkt
eine Nacht mit den Ausschnitten aus den 60er Jahren wie
Balsam. Ray Davies mit seiner tollen Brille spielt mit den
Kinks "Waterloo Sunset" ― und morgen hält wieder ein tiefer
gelegter Polo neben mir und versucht mit digitalen und
belanglosen 160 Beats per Second eine Legende aufzubauen.
Es wird nicht klappen. Da bin ich kompromisslos sicher:
Der Fahrer weiss nicht mal, dass es dritte Programme gibt ― und hält
den NDR wahrscheinlich für die Abkürzung für New
Digital Remix.
in
ich ein rückwärts gerichteter, hoffnungsloser Langweiler?
Vielleicht, aber wenn heute schon mangels Klasse und Masse die
Hits von Supertramp von irgendwelchen Fuzzies nachgespielt werden ― und die Kids nicht mal ahnen, dass da
ein Lied und die Geschichte einer Super Group dahinter stecken ―
dann kann es kein Fehler sein, wenn ich eine herzhafte Reminiszenz an
die 60er Jahre zu pflege.
Und als nächstes möchte ich eine Nacht lang Heinz Maegerleins
"Hätten Sie's gewusst" auf BR sehen ― und alle Pisa-Durchfaller bekommen das als Zwangsfernsehen
aufgebrummt. Man könnte sie ja motivieren, indem man ihnen erzählt, dass in den
Werbepausen die härteste Version von irgendwelchem Ninja-Fighter-Bullshit gezeigt wird.
Wetten, dass von denen
keiner weiss, dass die Dritten werbefrei sind?
*Diese Kolumne wurde
gegen vier Uhr in der Frühe während
der Beat-Club-Nacht am 25. September 2005 mit einem 2004er
Saint Auspice vom Ventoux unter der erwähnten irischen Decke und
mit einer Träne im Knopfloch verfasst. Irgendwelche
Korrekturen am nächsten Morgen unterbleiben aus Respekt vor
dem Moment ...
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