Mitglied
im

berufenes
Mitglied
in der

Deutscher Journalisten-Verband Gesellschaft für Bild und Vortrag e.V.
 

August 2005

Anaïs geht es gut

 

s war eine Idylle.  Ein solch verschwiegener Platz mit einem bemerkenswerten Angebot ist in einem Urlaubsgebiet selten zu finden.  Damals habe ich die Oase fast niemandem verraten.  Einmal war ich mit Freunden dort, aber ansonsten waren meine Lippen versiegelt.  Der Ort war zu schön, um ihn zu teilen.  In einer schlechteren Zukunft sah ich ihn überfüllt, hatte den verlorenen Charme vor Augen ...

Irgendwann Anfang der neunziger Jahre hatte ich sie entdeckt — die Auberge d'Anaïs inmitten der Provence ganz in der Nähe von Entrechaux, gleich um die Ecke von Malaucène und Vaison la RomaineWo sonst bunte Schilder in geschmackloser neuzeitlicher Touristenart den potentiellen Kunden eine angeblich originale Welt in lauter Form verkündeten, da war hier nur ein leiser Hinweis auf ein Restaurant und eine Auberge.  Wer neugierig genug oder vielleicht auch nur hungrig war, und den staubigen Weg zum Haus mitten durch den  Weinberg hinauf fuhr, der entdeckte ein Juwel:
 

as kleine Weingut bot im ersten Stock drei oder vier Zimmer, die nichts von dem weit verbreiteten muffigen französischen Stofftapetenmief hatten.  Sie waren genau wie das darunter liegende Restaurant geschmackvoll mediterran eingerichtet und unterstrichen den freundlichen Charme von Madame Blanc, die das Anwesen mit Charme, Energie und Präsenz führte.  Sogar der Luxus eines Swimmingpools passte harmonisch ins Gesamtbild.

Eine Bedienung reichte Anfang der neunziger Jahre, um die wenigen Hausgäste sowie die in der Regel nicht sehr zahlreichen Restaurantbesucher zu bewirten.  Das Anwesen war ein Traum vom Frühjahr bis in den Herbst.  Das wunderbare Ambiente wurde nur dann etwas gestört, wenn ein paar Yuppies (Young Urban Professionals) aus der Gegend — oder waren das hier Jeprus (Jeune Professionels Urbains)? — zur Mittagszeit einfielen, und meinten, sie müssten am Swimmingpool alle Welt wissen lassen, wie cool und wichtig sie hinter ihren Sonnenbrillen doch seien.

Doch die Gockel kamen selten, es liess sich ertragen.
 

as Restaurant bot die Art von ehrlicher Küche der Region, die ich schätze.  Die Karte war angenehm überschaubar, die Qualität des Essens stabil und die Preise waren fair.  Wenn die freundliche Bedienung ihren freien Tag hatte, servierte die Inhaberin Mme. Blanc schon mal persönlich und plauderte ein wenig.  Die Auberge d'Anaïs — benannt nach ihrer Tochter — war für mich ein Ort, an dem ich von da an entgegen meiner Gewohnheit ein Zimmer im Voraus reservierte und gerne mehrere Tage blieb.
 

as angenehme Ambiente sowie das kulinarische Angebot lockten natürlich auch Gäste aus der Region an.  Gäste, die gerne feierten:  Geburtstage, Taufen, Hochzeiten, en famille, laut und lange — wie wir es lieben.  Im Kino.  Aber nicht im Restaurant direkt unter dem gemieteten Gästezimmer ...

So fuhr ich eines morgens ausserplanmässig, völlig übernächtigt und schlecht gelaunt ab, in den Ohren noch endlose provençalische Akkordeonstücke, die anfeuernden Rufe der Feiernden sowie den leicht hilflosen Kommentar Mme. Blancs:  "Was soll ich machen, so ist es nun mal."  Es war ein Geschäft — und Mme. Blanc wollte verständlicherweise erfolgreich sein.
 

ahre später war ich wieder dort — diesmal vorsichtshalber nur zum Mittagessen.  Die Gerichte auf der Karte waren so gut wie unverändert, die Räume des Restaurants ebenso.  Die Veränderung war trotzdem nicht zu übersehen:  Dort wo früher ein Dutzend Gäste unter zwei ungeordneten Sonnenschirmen verstreut draussen sass, reihten sich nun Batterien von Tischen unter einem riesigen, elektrisch ausfahrbaren Sonnendach.

Die drei Bedienungen waren schon bei 2/3 Auslastung leicht gestresst.  Mme. Blanc schritt zu späterer Stunde kopfnickend durch die Reihen — ganz im Stile eines Franz Keller oder anderer Restaurantgurus, die nichts gegen eine angemessene Huldigung durch die Menü-Jünger haben.

Mme. Blanc hat es wohl geschafft:  Anaïs geht es gut.

 


Autor: Frank Jermann

Creative Commons-Lizenzvertrag

Der oben stehende Text ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.


Über die Auberge d'Anaïs können Sie bei rAtGallery.com auch einen Travel Tip in englischer Sprache finden.