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war eine Idylle. Ein solch verschwiegener Platz mit
einem bemerkenswerten Angebot ist in einem Urlaubsgebiet
selten zu finden. Damals habe ich die Oase
fast niemandem verraten. Einmal war ich mit Freunden
dort, aber ansonsten waren meine Lippen versiegelt. Der
Ort war zu schön, um ihn zu teilen. In einer
schlechteren Zukunft sah ich ihn überfüllt, hatte den
verlorenen Charme vor Augen ...
Irgendwann Anfang der neunziger Jahre hatte
ich sie entdeckt — die Auberge d'Anaïs inmitten der Provence
ganz
in der Nähe von Entrechaux, gleich um die Ecke von
Malaucène und Vaison la Romaine.
Wo sonst bunte Schilder in geschmackloser neuzeitlicher
Touristenart den potentiellen Kunden eine angeblich originale
Welt in lauter Form verkündeten, da war hier nur ein leiser
Hinweis auf ein Restaurant und eine Auberge. Wer neugierig
genug oder vielleicht auch nur hungrig war, und den staubigen
Weg zum Haus mitten durch den Weinberg hinauf fuhr, der
entdeckte ein Juwel:
as
kleine Weingut bot im ersten Stock drei oder vier Zimmer, die
nichts von dem weit verbreiteten muffigen französischen
Stofftapetenmief hatten. Sie waren genau wie das darunter
liegende Restaurant geschmackvoll mediterran eingerichtet und
unterstrichen den freundlichen Charme von Madame Blanc, die
das Anwesen mit Charme, Energie und Präsenz führte.
Sogar der
Luxus eines Swimmingpools passte harmonisch ins Gesamtbild.
Eine Bedienung reichte Anfang der neunziger Jahre, um die
wenigen Hausgäste sowie die in der Regel nicht sehr
zahlreichen Restaurantbesucher zu bewirten. Das Anwesen war
ein Traum vom Frühjahr bis in den Herbst. Das wunderbare
Ambiente wurde nur dann etwas gestört, wenn ein paar Yuppies
(Young Urban Professionals) aus der Gegend — oder waren das
hier Jeprus (Jeune Professionels Urbains)? — zur Mittagszeit
einfielen, und meinten, sie müssten am Swimmingpool alle Welt
wissen lassen, wie cool und wichtig sie hinter ihren
Sonnenbrillen doch seien.
Doch die Gockel kamen selten, es liess sich ertragen.
as Restaurant bot
die Art von ehrlicher Küche der
Region, die ich schätze. Die Karte war angenehm überschaubar,
die Qualität des
Essens stabil und die Preise waren fair. Wenn die
freundliche Bedienung ihren freien Tag hatte, servierte die
Inhaberin Mme. Blanc schon mal persönlich und plauderte ein
wenig. Die Auberge d'Anaïs — benannt nach ihrer Tochter — war
für mich ein Ort, an dem ich von da an entgegen meiner
Gewohnheit ein Zimmer im Voraus reservierte und gerne mehrere
Tage blieb.
as angenehme Ambiente sowie das kulinarische
Angebot lockten natürlich auch Gäste aus der Region an. Gäste, die
gerne feierten: Geburtstage, Taufen, Hochzeiten, en famille, laut und lange — wie wir es
lieben. Im Kino. Aber nicht im Restaurant direkt unter
dem gemieteten Gästezimmer ...
So
fuhr ich eines morgens ausserplanmässig, völlig übernächtigt
und schlecht gelaunt ab, in den Ohren noch endlose
provençalische Akkordeonstücke, die anfeuernden Rufe der
Feiernden sowie den leicht hilflosen Kommentar Mme. Blancs:
"Was soll ich machen, so ist es nun mal." Es war ein Geschäft
— und Mme. Blanc wollte verständlicherweise erfolgreich sein.
ahre später war ich wieder dort — diesmal
vorsichtshalber nur zum Mittagessen. Die Gerichte auf der
Karte waren so gut wie unverändert, die Räume des Restaurants
ebenso. Die Veränderung war trotzdem nicht zu übersehen:
Dort wo früher ein Dutzend Gäste unter zwei ungeordneten
Sonnenschirmen verstreut draussen sass, reihten sich nun
Batterien von Tischen unter einem riesigen, elektrisch
ausfahrbaren Sonnendach.
Die drei Bedienungen waren schon bei 2/3
Auslastung leicht gestresst. Mme. Blanc schritt zu späterer
Stunde kopfnickend durch die Reihen — ganz im Stile eines
Franz Keller oder anderer Restaurantgurus, die nichts gegen eine
angemessene Huldigung durch die Menü-Jünger haben.
Mme. Blanc hat es wohl geschafft: Anaïs geht
es gut.
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