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Oktober 2005

Keine Allüren:  Puy St. Martin

 

olche Momente bleiben haften und machen eine Reise aus:  Gerade mal zwei Kilometer nach dem späten Morgenkaffee das Auto abstellen, um in einer kleinen Sommerfrische den Tag zu teilen.  Das unauffällige Restaurant verkündet seine Existenz ohne neonschillernde oder bunte Aufregung.  Um Aufmerksamkeit wirbt mit weit mehr Erfolg eine schattige, baumbestandene Terrasse.  Die Plastik-Gartenmöbel sind natürlich auch hier so geschmacklos wie überall sonst, entziehen sich allerdings durch ihre Omnipräsenz auf den Terrassen dieser Erde fast einer sachgerechten Bewertung.  Aber nur fast ...

In Puy St. Martin findet man kein Restaurant mit den bunten Schildern der Guide Michelins:  Die Welt der selbsternannten Feinschmecker ist hier noch nicht eingezogen — oder zumindest weit genug weg.  Die Entfernungstafeln an den Wänden der steinigen Häuser sind noch wunderbar alt, hellblau und mit kryptischen Hinweisen versehen:  DRÔME CHIND'INTRTCUN NO 7 heisst es dort und Manas ist 3K200 entfernt.  Natürlich nach links.

ie Begrüssung in dem kleinen Restaurant ist auffällig:  Es beeindruckt eine offene Freundlichkeit, ein Lächeln blitzt auf bei dem jungen Mann und er erreicht, dass ich mich wohl fühle.  Die Auswahl ist schnell getroffen, das Mittagsgericht bietet genau das Richtige für einen Sommertag.  Ein Buffett als Vorspeise verspricht keinen geminzten Fenchel an passierter Anchovissosse, sondern eine handfeste Auswahl aus kleinen Salaten, Oliven, Eiern, Wurst und anderen eher deftigen Speisen.

Als Hauptgericht wird eine gute Portion Ratatouille mit Rindfleisch und Pommes Frites gereicht, dazu ein Viertel Rosé.  Etwas Eis oder Kuchen als Dessert — und am Ende wird das abgerechnet mit 10 Euro pro Person.

ein, das Essen ist kein kulinarischer Höhepunkt einer Reise zur und durch die Provençe.  Aber es macht glücklicher, als so manches mickrige Menü zu 30 Euro unter den bunten Schildern der Verkoster von Michelin, Routard, Pudlo und wie sie sonst noch aufdringlich von den Eingangstüren prangen.  Dort traut sich ein verbeulter alter R4 aber auch nicht so keck und charmant vor die Tür.  Ein gutes Zeichen ...

Der ehrliche und einfache offene Rosé vermittelt nicht den fahlen Nachgeschmack so mancher Restaurants, bei denen es für einen Schluck Wein notwendig ist, mindestens weitere 15 Euro in eine mickrige Demi Bouteille zu investieren.  Ein offener regionaler Wein ist wohl nicht gut für den Umsatz — oft wird er deshalb vielerorts nicht mehr angeboten.

Gemächlich ging es nach dieser glücklichen Einkehr weiter und die nahen Lavendelfelder liessen mehr Touristen, mehr Kommerz und mehr aufgesetzten Hochglanz ahnen:  Bei weitem nicht alles hat sich in den letzten 15 Jahren zum Besseren gewendet im süd-östlichen Frankreich.  Es ist an vielen Stellen glatter geworden und hat sich nach Ansicht der Macher — und vermutlich auch vieler Touristen — bestimmt ausgezeichnet den Anforderungen an "modernes Reisen" angepasst.  Es wurde also wenig gewonnen und viel verloren.

ie anderthalb Stunden unter den Bäumen im Garten aber — gleich neben dem unspektakulären Platz mit Kirche und beuligem R4 — diese anderthalb Stunden werden mir in Erinnerung bleiben als etwas, was es auf dieser Reise durch Südfrankreich nicht oft gab:  Ein Essen ohne Allüren.

 


Autor: Frank Jermann

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