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Deutscher Journalisten-Verband Gesellschaft für Bild und Vortrag e.V.
 

Mai 2006

Willkommen in Kanada

 

ie Schlange war lang und ich hatte genügend Zeit, die Damen zu beobachten:  Immigration Officers am Flughafen Vancouver, Kanada.  Die schusssichere Weste über der Uniform war nicht kleidsam, passte aber bestimmt gut zu der bestimmt vorhandenen Schusswaffe.  Das Land muss schliesslich verteidigt werden − da können modische Belange schon mal zurückstehen.

Ein Teil der Verteidigungsstrategie ist Langsamkeit:  Minutenlange Schwätzchen zwischen den Damen trugen nicht zur zügigen Abfertigung der Massen bei.  Aber wer traut sich schon zu maulen, wenn der Prozess der Einreiseformalitäten im schlimmsten Fall mit einer Abweisung enden kann?

Dass Menschen aus anderen Erdteilen nach langen Flügen erschöpft und müde waren, dürfte in der Strategie der Einreisebehörden durchaus eine Rolle spielen − aber keine "kunden"-freundliche.  Wer müde ist, macht möglicherweise eher  Fehler bei dem Versuch, illegal oder als bombenlegender Terrorist in das Land einzureisen.

rgendwann war auch ich an der Reihe, setzte mein verbindlichstes Lächeln auf, stellte alle Schalter auf Freundlichkeit und Verständnis:  "Kooperation" ist das Zauberwort!  Nennen wir die auf mich wartende Dame Cathy:  Sie war vielleicht Mitte dreissig, hatte einen strengen Zopf und wohl ihr Lächeln verlegt.

Den Zweck der Reise nennen, das Rückflugticket vorzeigen − alles Standard.  Dachte ich.  Eine Flugroute Frankfurt, Vancouver, Los Angeles, New York, Frankfurt macht stutzig, oder?  Noch dazu, wenn der Reisende Fotograf ist:  "So you're a photographer − what do you do?", fragte Cathy.  Jetzt bloss keinen Fehler machen, eine nicht-komplexe, einleuchtende Antwort musste es sein.

"Taking pictures."  Eine Freundin hatte ich mit dieser Antwort nicht gewonnen.  Ab jetzt war alles an mir verdächtig.  Klar, unrasiert und mit einem deutschen Pass passte ich genau in das Raster eines Staatsfeindes.  Warum ich ein Wohnmobil in Kanada anmieten und in Los Angeles zurückgeben würde, was ich genau mit den Bildern, die ich zu fotografieren gedachte, anstellen würde − das waren natürlich wichtige Fragen, um herauszufinden, was für düsteres Unheil ich dem kanadischen Volk zufügen wollte.

Immer bei der Wahrheit bleiben, dann macht man keine Fehler.  Also erklärte ich Cathy etwas von Reise-Shows, die ich in Deutschland aufführe − und dass es so etwas meines Wissens in Kanada nicht gebe, also an dieser Stelle schwierig zu erklären sei.  "So you think we Canadiens are stupid?"  Hey, Cathy, hatte ich das tatsächlich gesagt?  Nach knapp 20 Stunden auf den Beinen macht der Sprechapparat vielleicht etwas anderes, als das müde Hirn befiehlt?

Ich stammelte mich letztlich irgendwie aus der Situation heraus, der strenge und strafende Blick half nicht, mich willkommen zu fühlen.  Was mag die junge Frau abends daheim denken und fühlen, wenn sie die Grenzen ihres Landes wieder einmal so energisch verteidigt hat?  Ob sich Cathy da wohl fühlt?

s war eine der schlechteren Erfahrungen bei der Einreise in die nordamerikanischen Länder.  Kein Zweifel:  Es ging auch schon nett zu, manche Immigration Officers hatten sogar ein Lächeln für mich übrig.  Die verzweifelte Suche nach Widersprüchen in meinen Antworten aber, die hier am Flughafen von Vancouver natürlich erfolglos blieb − ist das wirklich eine Methode, die unsere Erde zu einem sichereren Ort macht?

Entgegen aller Globalisierung führen solche Methoden zu einer Entfremdung zwischen Menschen und Ländern.  Den hierfür Verantwortlichen spreche ich hiermit mein Misstrauen aus:  Ich bezweifle, dass sie irgendetwas von Menschen oder Sicherheit verstehen.  Es ist zu befürchten, dass sie mehr Schaden für ihr Land anrichten, als dass sie Gutes tun.

Aber da ahnte ich ja nicht, dass es nur ein paar Stunden später an der Grenze zu den USA noch schlimmer kommen würde.  Dagegen war Cathy ein Schatz ...


Autor: Frank Jermann

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