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eine erste Reise nach Moskau fand Ende Dezember kurz vor den
Feiertagen statt. Gut erinnere ich mich an den Flug
in bester Festtagsstimmung. Die Lufthansa verwöhnte
mich mit einem erstaunlich guten Abendessen, der Rotwein dazu
und ein Digestif taten ihren Teil um mich richtig wohl zu
fühlen. Es folgte
allerdings der grösste Schreck, den ich je über den Wolken
hatte.
Der laute
Alarm riss mich aus meiner satten Zufriedenheit. Das beissende, nicht nachlassen
wollende Geschnarre und hektische Flugbegleiterinnen
trafen meine gelöste Stimmung empfindlich: Waren das meine
letzten Augenblicke im Leben? Ich entspannte mich etwas, als
ich den schuldbewussten Russen aus der Toilette kommen sah und
er – wohl ziemlich beschwipst
– den unterdrückt-fauchigen Worten der
Flugbegleiterin lauschte. Er hatte heimlich geraucht und so
einen Feueralarm ausgelöst. Mein Herz stieg aus der Hose
wieder an seinen angestammten Platz.
oskau war durchgefroren,
als ich mitten in der Nacht ankam. Mein Reisebüro hatte mich
in einem Hotel President untergebracht. War das nicht eine dieser
vornehmen internationalen Hotelketten? Bilder à lá Kempinski
oder Hyatt vor dem Auge fuhr ich mit einem
klapprigen Taxi durch seltsam unbelebte Gegenden. Etwas
mulmig war mir schon, als ein schwer bewaffneter Posten mit
Kalaschnikow im Anschlag und schusssicherer Weste über dem
dicken Parka bei der Einfahrt zum Hotel die Ausweise
kontrollierte ― und dann erst das riesige stählerne Tor öffnete.
Da ich
vorher noch nie in Moskau
war, gab ich an der Hotelrezeption auf Aufforderung meinen
Reisepass ohne besonderes Misstrauen ab. Wenn das hier so
Vorschrift ist, dachte ich, dann wollte ich mich gerne daran halten. Das Hotel aus den
Achtzigern mit über 200 Zimmern war nicht das, was ich als
ausgebucht bezeichnen möchte. Ausser mir traf ich nicht mehr
als acht Gäste. Anwesende anstatt Gäste wäre vielleicht die bessere
Bezeichnung, denn die zwei Damen an der Bar erweckten eher den Eindruck, als wenn sie dem Bereich besonderer
Dienstleistungen zuzuordnen wären. Die Szene in der
leeren Lobby war gespenstisch und grotesk ― Kafka hätte hier
problemlos
Anregungen gefunden. Der ernüchternde Charme
der Achtziger war im gesamten Hotel akribisch erhalten. Die
Zimmer hatten etwas Pseudomodernes, das ich vorher so nie gesehen
hatte: Die heute etwas verstaubte und spröde Einrichtung war 1982
bestimmt der allerletzte
Schrei in einem Ostblockland. Wie ich später
erfuhr, wurde das Gebäude zu kommunistischen Zeiten als
Unterkunft für ausländische Staatsgäste erbaut. Die Zeiten
änderten sich, das Gebäude nicht. Nun, zur Ehrenrettung
muss ich sagen, dass ich mich wenigstens sicher fühlte und das
Hotelzimmer die grösste Minibar aufwies, die ich je gesehen
hatte. Andererseits: Hätten die Tag- und Nachtwachen auf
meinem Stockwerk mir nicht eher zu denken geben sollen, als
mich in Sicherheit zu wiegen? Und die
Minibar war nichts weiter als ein riesiger, laut brummender Kühlschrank ―
bestückt mit immerhin einer grossen Flasche russischen Wassers.
m nächsten Tag hatte ich
nachmittags Zeit für einen Bummel. Eisiges
Schneetreiben beherrschte die Stadt. Der Eingang
zum weissen Roten Platz war ein Torbogen. Langsam
schritt ich durch den tunnelartigen Durchgang ― als ich
im linken Augenwinkel den Uniformierten bemerkte, der sich
langsam aus dem Halbdunkel löste. Ohne Zweifel
hatte er mich im Visier. Nur wenige andere Menschen waren in der
Nähe. Er sprach mich an. Ich blieb stehen. Er sprach
erneut ― russisch. Ich verstand kein Wort. Nichts zu machen
mit Englisch, Deutsch, Französisch. Lediglich um ihn zu
beeindrucken brabbelte ich auch ein paar Brocken
Italienisch. Keine Wirkung.
Irgendwie verstand ich,
dass er meinen Pass sehen wollte. Das Problem war
offensichtlich: Selbst, wenn ich den Satz "Mein Pass liegt im
Hotel President an der Rezeption." auf russisch hätte
sagen können,
wäre diese Aussage wahrscheinlich nicht ausreichend gewesen. Ich
konnte mich schliesslich nicht ausweisen. Keiner verstand den Anderen. Es war wie
eine "tödliche Umarmung": Wir hatten uns
fest im Griff, keiner konnte loslassen. Er
konnte mich ohne Gesichtsverlust nicht einfach gehen lassen,
ich konnte nichts dafür tun, dass er von mir abliess. Wir
debattierten minutenlang ― ohne viel Verständnis für die
Position des jeweils Anderen aufzubringen. Ich legte meine
Handgelenke übereinander um ihm klarzumachen, dass er mich
besser fest- und mitnehmen sollte ― anders kämen wir ja wohl
nicht weiter. Er tat es nicht, liess mich aber auch nicht
gehen. Nun, ich versuchte das,
was ich in ähnlichen Situationen immer mache: Ich bemühte
mich, die Aufmerksamkeit von Passanten auf mich zu
ziehen, redete lauter. Die Bogen der wenigen Fussgänger um das
verständnislose Paar im zugigen Tordurchgang wurden immer grösser.
ls ich schon die
Hoffnung aufgegeben hatte, trat plötzlich ein stämmiger, mittelgrosser,
vermummter Mann zu uns heran, sprach ein paar Worte auf
Russisch ― um mich dann in geübtem
Englisch mit einem hörbaren osteuropäischen Akzent zu fragen, was das Problem sei. Ich traute meinen
Ohren nicht! Er war die Rettung: Nach einiger Zeit des
Verhandelns liess der Uniformierte mich gehen. Mein Retter war, wie sich
bei dem dann folgenden gemeinsamen Kneipenbesuch am Roten Platz herausstellte, ein
russischer Auswanderer, der seit Jahren in Kanada lebte. Sein
Besuch bei Verwandten in Moskau hat mich wahrscheinlich vor
einer ganzen Menge Unannehmlichkeiten bewahrt. Die Geschichte endet
normal traurig: Ich gab ihm meine eMail-Adresse ― und habe nie wieder etwas von ihm gehört
oder gelesen. |