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Deutscher Journalisten-Verband Gesellschaft für Bild und Vortrag e.V.
 

Dezember 1998

Tödliche Umarmung auf dem Roten Platz

 
eine erste Reise nach Moskau fand Ende Dezember kurz vor den Feiertagen statt.  Gut erinnere ich mich an den Flug in bester Festtagsstimmung.  Die Lufthansa verwöhnte mich mit einem erstaunlich guten Abendessen, der Rotwein dazu und ein Digestif taten ihren Teil um mich richtig wohl zu fühlen.  Es folgte allerdings der grösste Schreck, den ich je über den Wolken hatte.

Der laute Alarm riss mich aus meiner satten Zufriedenheit.  Das beissende, nicht nachlassen wollende Geschnarre und hektische Flugbegleiterinnen trafen meine gelöste Stimmung empfindlich:  Waren das meine letzten Augenblicke im Leben?  

Ich entspannte mich etwas, als ich den schuldbewussten Russen aus der Toilette kommen sah und er – wohl ziemlich beschwipst – den unterdrückt-fauchigen Worten der Flugbegleiterin lauschte.  Er hatte heimlich geraucht und so einen Feueralarm ausgelöst.  Mein Herz stieg aus der Hose wieder an seinen angestammten Platz.
 

oskau war durchgefroren, als ich mitten in der Nacht ankam.  Mein Reisebüro hatte mich in einem Hotel President untergebracht.  War das nicht eine dieser vornehmen internationalen Hotelketten?  Bilder à lá Kempinski oder Hyatt vor dem Auge fuhr ich mit einem klapprigen Taxi durch seltsam unbelebte Gegenden.  Etwas mulmig war mir schon, als ein schwer bewaffneter Posten mit Kalaschnikow im Anschlag und schusssicherer Weste über dem dicken Parka bei der Einfahrt zum Hotel die Ausweise kontrollierte ― und dann erst das riesige stählerne Tor öffnete.

Da ich vorher noch nie in Moskau war, gab ich an der Hotelrezeption auf Aufforderung meinen Reisepass ohne besonderes Misstrauen ab.  Wenn das hier so Vorschrift ist, dachte ich, dann wollte ich mich gerne daran halten.

Das Hotel aus den Achtzigern mit über 200 Zimmern war nicht das, was ich als ausgebucht bezeichnen möchte.  Ausser mir traf ich nicht mehr als acht Gäste.  Anwesende anstatt Gäste wäre vielleicht die bessere Bezeichnung, denn die zwei Damen an der Bar erweckten eher den Eindruck, als wenn sie dem Bereich besonderer Dienstleistungen zuzuordnen wären.  Die Szene in der leeren Lobby war gespenstisch und grotesk ― Kafka hätte hier problemlos Anregungen gefunden.

Der ernüchternde Charme der Achtziger war im gesamten Hotel akribisch erhalten.  Die Zimmer hatten etwas Pseudomodernes, das ich vorher so nie gesehen hatte: Die heute etwas verstaubte und spröde Einrichtung war 1982 bestimmt der allerletzte Schrei in einem Ostblockland.  Wie ich später erfuhr, wurde das Gebäude zu kommunistischen Zeiten als Unterkunft für ausländische Staatsgäste erbaut.  Die Zeiten änderten sich, das Gebäude nicht.

Nun, zur Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich mich wenigstens sicher fühlte und das Hotelzimmer die grösste Minibar aufwies, die ich je gesehen hatte.  Andererseits:  Hätten die Tag- und Nachtwachen auf meinem Stockwerk mir nicht eher zu denken geben sollen, als mich in Sicherheit zu wiegen?  Und die Minibar war nichts weiter als ein riesiger, laut brummender Kühlschrank ― bestückt mit immerhin einer grossen Flasche russischen Wassers.
 

m nächsten Tag hatte ich nachmittags Zeit für einen Bummel.  Eisiges Schneetreiben beherrschte die Stadt.  Der Eingang zum weissen Roten Platz war ein Torbogen.  Langsam schritt ich durch den tunnelartigen Durchgang ― als ich im linken Augenwinkel den Uniformierten bemerkte, der sich langsam aus dem Halbdunkel löste.  Ohne Zweifel hatte er mich im Visier.

Nur wenige andere Menschen waren in der Nähe.  Er sprach mich an.  Ich blieb stehen.  Er sprach erneut ― russisch.  Ich verstand kein Wort.  Nichts zu machen mit Englisch, Deutsch, Französisch.  Lediglich um ihn zu beeindrucken brabbelte ich auch ein paar Brocken Italienisch.  Keine Wirkung.

Irgendwie verstand ich, dass er meinen Pass sehen wollte.  Das Problem war offensichtlich:  Selbst, wenn ich den Satz "Mein Pass liegt im Hotel President an der Rezeption." auf russisch hätte sagen können, wäre diese Aussage wahrscheinlich nicht ausreichend gewesen.  Ich konnte mich schliesslich nicht ausweisen.

Keiner verstand den Anderen.  Es war wie eine "tödliche Umarmung":  Wir hatten uns fest im Griff, keiner konnte loslassen.  Er konnte mich ohne Gesichtsverlust nicht einfach gehen lassen, ich konnte nichts dafür tun, dass er von mir abliess.  Wir debattierten minutenlang ― ohne viel Verständnis für die Position des jeweils Anderen aufzubringen.  Ich legte meine Handgelenke übereinander um ihm klarzumachen, dass er mich besser fest- und mitnehmen sollte ― anders kämen wir ja wohl nicht weiter.  Er tat es nicht, liess mich aber auch nicht gehen.

Nun, ich versuchte das, was ich in ähnlichen Situationen immer mache:  Ich bemühte mich, die Aufmerksamkeit von Passanten auf mich zu ziehen, redete lauter.  Die Bogen der wenigen Fussgänger um das verständnislose Paar im zugigen Tordurchgang wurden immer grösser.

ls ich schon die Hoffnung aufgegeben hatte, trat plötzlich ein stämmiger, mittelgrosser, vermummter Mann zu uns heran, sprach ein paar Worte auf Russisch ― um mich dann in geübtem Englisch mit einem hörbaren osteuropäischen Akzent zu fragen, was das Problem sei.  Ich traute meinen Ohren nicht!  Er war die Rettung:  Nach einiger Zeit des Verhandelns liess der Uniformierte mich gehen.

Mein Retter war, wie sich bei dem dann folgenden gemeinsamen Kneipenbesuch am Roten Platz herausstellte, ein russischer Auswanderer, der seit Jahren in Kanada lebte.  Sein Besuch bei Verwandten in Moskau hat mich wahrscheinlich vor einer ganzen Menge Unannehmlichkeiten bewahrt.

Die Geschichte endet normal traurig:  Ich gab ihm meine eMail-Adresse ― und habe nie wieder etwas von ihm gehört oder gelesen.

 


Autor: Frank Jermann

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