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Deutscher Journalisten-Verband Gesellschaft für Bild und Vortrag e.V.
 

April 2005

Warten? – Fielmann!

 

 

er Kunde bist du.  Diese bahnbrechende und hoffnungsvolle Aussage im kumpelhaften Ton hat der Brillenhändler Fielmann wahrscheinlich einer besonders kreativen und hochprofessionellen Marketing- und PR-Abteilung zu verdanken.  Gut, dass wir beim Besuch der Webseiten von Fielmann unter dem Punkt "Philosophie" ausserdem lernen dürfen:  Im Kunden sehen wir uns selbst.

Nehme ich die Filosophen bei Phielmann ernst, dann machen die nichts lieber, als Rumstehen und Warten.  Das jedenfalls ist der zwingende Schluss aus den immer wiederkehrenden Erlebnissen, die ich in den Filialen der Meister des klaren Blicks mache:  Es ist voll.  Und im Kunden sehen die Fielmänner sich ja selbst.  Nun, wenn der wartet ...

Nach meiner Wahrnehmung steht der Kunde dabei allerdings nicht im Mittelpunkt, sondern meistens dumm herum.  Die Chance, dass sich meine Sehstärke schon wieder verschlechtert hat, bis ich bedient werde, ist nicht gering.

 

n der Darmstädter Filiale beispielsweise gibt es oft drei Schlangen:  Eine an der Kasse, eine Weitere im Servicebereich und natürlich die am Eingang.  Schon in Letzterer scheitere ich regelmässig, so dass ich nicht in den Genuss der beiden anderen Wartemöglichkeiten komme.  Bin ich zu ungeduldig?

 

ber der Reihe nach:  Beim Betreten besagter Filiale herrscht oft ein ziemliches Durcheinander, denn alle drei Schlangen verknäulen sich gerne im Eingangsbereich.  Aber halt – Fielmann sorgt vor und hat dort eine Mitarbeiterin abgestellt:  Die Fielfrau.  Sie soll maulenden potentiellen Kunden wie mir den Wind aus den Segeln nehmen.

So gibt's manchmal ein Lächeln gratis, allerdings etwas wortkarg, da die gute Dame in der Regel nur schlechte Nachrichten hat.  Eine gute Nachricht wäre beispielsweise:  "Sie kommen sofort dran" – aber ich vermute, diesen Satz hört man hier nur morgens bei der Öffnung des Geschäftes.

Fragen sind also angesagt.  Mein "Wie lange wird es denn dauern?" entlockt der Fielfrau ein gequältes Lächeln:  "Das kann ich nicht sagen, manche Kunden sind nur kurz hier, Andere auch mal vier Stunden.  Vielleicht dauert's zwanzig Minuten?"

 

ine ältere Dame nähert sich der Fielfrau und quengelt:  "Wir warten jetzt schon eine Stunde!  Mein Mann ist Diabetiker, der muss etwas essen!"  Die Fielfrau kann nicht helfen, denn Häppchen werden bei Fielmann nicht gereicht.  Ich wende mich wieder an sie und bemerke:  "Wenn dieses Ehepaar bereits eine Stunde wartet und noch weitere Kunden vor mir dran sind, dann wird's wohl nichts mit zwanzig Minuten, oder?"  Der strenge Beitrag der Fielfrau hebt die allgemeine Stimmung bei den anderen Wartenden nicht gerade:  "Das stimmt doch gar nicht, die warten noch keine Stunde." 

Glücklicherweise hat das ältere Ehepaar das nicht gehört, denn ich vermute, dass dann entweder der Regenschirm der alten Dame zum Einsatz gekommen wäre oder der Diabetiker hätte den zu erwartenden hypoglykämischen Schock schon aus Protest sofort bekommen.

 

ch schaue mich um, denn wenn es so weitergeht, verbringe ich hier vielleicht die letzten Stunden meines Lebens.  Da möchte ich doch wissen, wo ich bin.  Besonders einladend ist es nicht:  Wo ich eine gemütliche Sitzgruppe mit Zeitschriften, duftendem Kaffee und lächelnden Gesichtern erwarte, stehen leicht transpirierende und genervte Menschen – wartend.

Die absurde Situation liess mich nachdenken – und ich stellte der Fielfrau die Frage:  "Warum vergeben Sie keine Nummern an Ihre Kunden, damit diese während der Wartezeit noch etwas erledigen können, anstatt hier herumzustehen?"  Die Antwort war wenigstens konkret – und ziemlich empört:  "Wir sind hier doch nicht auf dem Amt!"

Fürwahr scharf analysiert, das waren wir nicht!  Auf dem Amt gibt es für die Wartenden wenigstens Sitzgelegenheiten – und ich bringe mir immer selber etwas zu lesen mit.  Der erfahrene Diabetiker sicher etwas zu essen ...

 

in späterer Anruf in der Zentrale von Fielmann bestätigte den Verdacht:  Die Ablehnung gegen ein besser organisiertes Wartesystem ist tief verwurzelte Fielmann-Philosophie.  "Herr Fielmann möchte das nicht", war die Auskunft der freundlichen Telefonstimme.  "Ein Nummernsystem hat so etwas von Behörden."

Ich vermute, Günther Fielmann kauft entweder seine Brillen morgens um neun Uhr – oder, so wie ich an jenem Tag, beim deutlich besser organisierten Mitbewerber Apollo.

 


Autor: Frank Jermann

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