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September 2005

Robertson, Katrina und Gott

 

at Robertson ist ein Fernsehprediger in den USA — und war dieser Tage als windiger Zeitgenosse neben dem Wirbelsturm Katrina ebenfalls in den Schlagzeilen.  Am Montag, den 22. August 2005, hat er in seiner Sendung The 700 Club dazu aufgerufen, Hugo Chávez, den Präsidenten Venezuelas zu ermorden:  "Wenn er denkt, dass wir versuchen, ihn zu ermorden, dann meine ich, wir sollten es wirklich tun."

Auf seiner Webseite hat sich der ehrenwerte Seelsorger mittlerweile entschuldigt.  Er rudert damit zwar etwas zurück, aber ein Blick auf die Person und die radikale, fanatische und geldgierige Predigerszene in den USA lässt mich zweifeln, ob er das nicht mehr aufgrund äusserer Zwänge durch einflussreiche Leute als aus Überzeugung getan hat.

 

er Republikaner Robertson versuchte 1988 Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, konnte sich aber in den republikanischen Vorwahlen gegen den späteren Präsidenten George Bush senior nicht durchsetzen.  Gott sei Dank, mag da der Eine oder die Andere denken, denn gegen den ehrenwerten Herrn Robertson war Bush senior ein strammer Linker.

In religiösen Fragen ist Robertson sicher eine bestechende Kompetenz.  So können wir von ihm auf seinen Webseiten lernen, wie schlecht nicht-christliche Religionen sind — und hierbei insbesondere Muslims.  Die Wahl von Herrn Ratzinger zum Papst findet seinen Gefallen, denn Benedikt XVI. habe einen Schwerpunkt  auf "moralischem Relativismus, der in hervorragender Klarheit für die Kultur Europas und Amerikas spreche".  Es ist zu vermuten, dass Herr Robertson in der Schule gefehlt hat, nachdem das Europa des Mittelalters samt Inquisition und Hexenverbrennungen abgehandelt war, denn was danach kam, dürfte ihm vermutlich nicht mehr gefallen haben.  Weiss er, dass es in Europa heute überwiegend liberal zugeht?

 

b Pat Robertson seinen Gott auch für die 88er Wahlniederlage gegen Bush senior verantwortlich macht, ist nicht bekannt.  Nach der Logik des Seelenhüters hätte doch wohl nur er Präsident werden dürfen, denn schliesslich steht er für alles Gute und Göttliche auf dieser Erde:  Pro-Life, Anti-Abtreibung, keine Trennung zwischen Kirche und Staat (ich nehme an, er meint damit exklusiv seine Kirche), Schulgebete — kurzum:  Das ganze Spektrum an rückwärts gerichteter Vision.

Die Erklärung, warum es zu den Attacken des 11. September kam, fällt einem Pat Robertson in seiner göttlichen Einfalt natürlich auch leicht:  Weil es so unchristlich zugehe in seinem Land, habe sich Gott abgewendet — so die scharfsinnige Analyse.

 

s ist somit zu vermuten, dass Robertson auch in dem verheerenden Wirbelsturm Katrina eine weitere Ächtung seines Landes durch Gott sieht.  Ich warte stündlich auf seine Erklärung, dass wieder mehr gebetet werden, Abtreibungen verboten, fremde Religionen unterdrückt, Liberale vertrieben und Leute wie ich am besten nicht mehr ins Land gelassen werden sollten. 

Nach einer solchen moralischen Renaissance blieben bestimmt zukünftige Katastrophen aus.  Gut also, dass Präsident Bush — anstatt für wirksame Hilfsmassnahmen für die Opfer des Wirbelsturms zu sorgen — erst mal einen Tag des Gebets ausgerufen hat.  Einen Tag beten reicht zwar bei weitem noch nicht für ein krisenfreies Land — aber es ist immerhin ein Anfang.

 

enn die Robertsons dieser Welt abends mit den Händen auf der Bettdecke einschlafen, zweifeln sie dann manchmal?  Ziehen sie es überhaupt in Betracht, dass Gott, so sie existiert, mit dieser Katastrophe dem amerikanischen Volk mitteilen möchte, dass sie sich durchaus von ihm abgewendet hat — aber Gott die Gründe dafür ganz wo anders sieht?

Vielleicht missfällt es Gott, dass die USA ganz und gar gottlos und unchristlich Länder überfallen, die ihrem gottesfürchtigen Präsidenten und seinen Ölkumpanen nicht behagen?  Oder vielleicht ist Gott — immer noch ihre Existenz angenommen — auch nicht begeistert, dass die Robertsons und Bushs dieser Erde sie einfach so vereinnahmen?

 

n ganz lichten Momenten — so vermute ich — hat Herr Robertson einen stillen Augenblick des Zweifels:  Er ahnt, dass Katrina einfach eine Naturerscheinung war — eventuell ausgelöst durch das extremer werdende Klima auf unserem Planeten?  Wozu sein Land mit einer zügellosen Energiepolitik und dem höchsten Energieverbrauch pro Kopf auf dieser Erde einen nicht unbeträchtlichen Teil beiträgt ...

Aber mit einer solchen Ansicht lässt sich bestimmt kein Geld verdienen, nicht wahr, Herr Robertson?

God bless America.  Die haben's wirklich nötig.
 


Autor: Frank Jermann

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