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Deutscher Journalisten-Verband Gesellschaft für Bild und Vortrag e.V.
 

September 2005

Heisse Weihnacht

 

eute war es wieder so weit:  Mein bevorzugter Supermarkt bot das erste Weihnachtssortiment an.  Oder besser formuliert:  Heute ist es mir zum ersten Mal in diesem Jahr aufgefallen.  Es ist anzunehmen, dass schon im August irgendwo ein paar Pfeffernüsse in den Regalen lagen.  Der Sommer ist offiziell gerade ein paar Tage vorbei, da möchte die Lebensmittelindustrie, dass ich bei Lebkuchen und Plätzchen schon in weihnachtliche Kaufstimmung kommen soll.

Nun ist das nichts Neues, denn bereits seit Jahren habe ich den Eindruck, als wenn sich Ostern und Weihnachten immer mehr überschneiden.  Wir sind daran gewöhnt, es fällt kaum noch auf.  Ist es richtig, wenn wir einfach darüber hinwegsehen, es hinnehmen, es einfach ignorieren?  Nein, meine ich, das reicht nicht aus.  Wir sollten die schwitzenden Dominosteine befreien, den Schokoladen-Weihnachtsmännern aus den Mänteln helfen.  Freiheit für die Lebkuchen.  Kampf der "Feiertag-ist-immer"-Mafia!

Aber wir tun genau das Gegenteil, machen uns zu Kumpanen derer, die lieb gewonnene Bräuche und Sitten zum eigenen Nutzen ad absurdum führen:  Wir machen mit!  Wenn es keine Abnehmer gäbe für Dominosteine bei 25° Celsius und für Nougateier kurz nach den Heiligen Drei Königen, dann gäbe es auch kein diesbezügliches Angebot.  Wir kaufen es Ihnen aber ab!

ie entscheidende Frage ist wie so oft:  Qui bono — wem nützt dieser Unsinn?  Die Profiteure sind die Bahlsens und die Nestlés dieser Welt.  Es kann nicht in deren Sinn sein, dass Weihnachtshasen erst in den geruhsameren, dunkleren Tagen ab dem 1. Advent verzehrt werden, denn es gibt einen Zusammenhang zwischen Verzehrmenge und zur Verfügung stehender Zeit.  Auch die Ostermänner können nicht erst am Karfreitag die Regale besetzen, wenn sie in Masse verzehrt werden sollen.

ch kann nicht glauben, dass in meiner Kindheit solch ein Unsinn praktiziert wurde.  In meiner vernebelten Erinnerung stelle ich mir vor, dass die Menschen damals in den 60ern kopfschüttelnd an den Versuchungen vorbei gegangen wären.  Nicht so heute ...

Aber auch ich bemerke, dass wir nicht mehr in den 60ern leben — schliesslich hat sich unsere Gesellschaft ja "weiter" entwickelt:  Die Kids sammeln keine Tierbilder mehr fürs Album, sondern brutale Ego-Shooter-Software für den PC.  "Ich habe gestern Nacht 237 feindliche Ninja-Fighter umgemäht", heisst es heute.  "Tauscht Du den Löwen gegen zwei Elefanten?", war damals das Thema.  Aber Sentimentalitäten sind nicht mehr angesagt, solange sie uns nicht als "Retro Look" oder "Vintage" verkauft werden können. 

n diesen Zeiten ist für und gegen Geld alles zu machen.  Genmanipulierte Weihnachtseier werden von Hasen ohne Fell in Massen-Käfighaltung verspeist.  Diese werden danach in zerkleinerter Form an ihre Artgenossen in Form von Futtermehl verfüttert.  Solange irgend jemand an solchem Unsinn verdienen kann, wird es gemacht werden.

Aber irgendwann, eines Tages wird jemand auf die unglaubliche Idee kommen, uns eine stille Weihnachtszeit anzubieten.  Gleich neben der Kasse, in Blickhöhe für uns ältere Erwachsene.  Und wir werden in Erinnerung an vergangene Zeiten auch diese Mogelpackung kaufen — und wenn sie im Mai angeboten wird.


Autor: Frank Jermann

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